Abflug in Kairo


Frank sah sich nervös in der Schalterhalle um. 20 Kilo Drogen im Koffer, das war keine Kleinigkeit. Aber sie waren seine Fahrkarte zurück nach Europa. 4 Jahre saß er jetzt schon hier in Kairo fest, nachdem sie ihn wegen lächerlicher 12 Gramm Hasch eingelocht hatten.


Die Schlange vor der Abfertigung nach Frankfurt war nicht besonders lang. Natürlich würde Frank den Koffer nicht selbst aufgeben. Er war ja nicht blöd. Ein Samsonite sah dem anderen ähnlich wie ein Zwilling, deshalb hatte er sich ja diesen Hartschalenkoffer zugelegt. Sei Blick glitt über die Gepäckstücke der Wartenden vor sich. Eine Menge Samsonite. Hellblau, Rot und Moosgrün, aber kaum graue. In Sachen Modetrends war er natürlich nicht mehr auf dem Laufenden. Frank biss sich vor Anspannung leicht auf die Lippen. Da! Direkt vor ihm ein älteres Ehepaar, Touristen, und zwei Samsonite. Offenbar vielreisende Rentner. Die Koffer waren übersät mit Aufklebern von weltweiten Sehenswürdigkeiten. Nein. Denen würde der ausgetauschte Koffer mit Sicherheit auffallen. Pauschaltouristen! Das war es was er suchte.


Ein zufriedenes Grinsen überzog Franks Gesicht, als sich eine dreiköpfige Familie in der linken Schlange anstellte. Perfekt. Frank tat so, als ob er sein Ticket suchte. Das fiel ihm nicht besonders schwer, denn er hatte ja gar keins. Er wollte ja nicht mit nach Frankfurt fliegen, sondern nur die Koffer austauschen. In Frankfurt wartete Vera dann mit einem weiteren Koffer, um ihn erneut auszutauschen. So sollte es keine Probleme geben.


Frank war aus der Reihe herausgetreten und musste sich nun wieder hinten anstellen. In der linken Schlange natürlich. Der Araber, der hinter ihm gestanden hatte, winkte ihm freundlich zu, dass er seinen Platz wiederhaben könne. Frank lehnte ab, das wollte er doch gar nicht. So leicht ließ sich der Menschenfreund nicht abschütteln. Warum mussten die Leute gerade dann mit ihrer Höflichkeit protzen, wenn das überhaupt nicht angezeigt war. Hoffentlich machte der Mann jetzt nicht so ein Gewese darum, das könnte den Zöllnern auffallen. Der Araber zuckte mit den Achseln und ließ ihn in Ruhe.


So, jetzt ganz unauffällig die beiden Koffer nebeneinander schieben. Franks Fuß dirigierte den Koffer bei jeder Bewegung die Schlange ein wenig dichter an den andern heran. Gleich war es soweit und er konnte die Koffer vertauschen. Das kleine Mädchen der Familie sah ihn mit großen Augen an. Einen Moment zögerte sie, dann erstrahlte ein Lächeln auf ihrem Gesicht.


„Mein Koffer“, sagte sie und zeigte darauf. „Dein Koffer!“


„Ja, ja, sehr schön“, sagte Frank und hoffte, dass die Göre sich schnellstmöglich wieder für etwas anderes interessierte.


„Mein Koffer“, sagte das Mädchen sehr ernsthaft und zeigte erst auf den Koffer und dann auf sich selbst. „Meins.“


Das musste sie wohl gerade erst gelernt haben.


„Dein Koffer!“


„Ja!“


„Mein Koffer! Dein Koffer!“


Jetzt drehten sich auch noch die Eltern um und betrachteten ihren Sprössling voller Stolz. Frank lächelte gestresst und nickte ihnen verständnisvoll zu.


„Mein Koffer!“


„Ja, ja, dein Koffer!“ Die Eltern schauten nicht mehr hin.


„Dein Koffer! Mein Koffer!“


Frank sah das Kind befremdet an. Das konnte wohl ewig so gehen. Die Kleine würde damit bis Frankfurt nicht aufhören, wenn sie den Koffer da vorne nicht abgeben müssten. Allmählich wurde auch die Zeit knapp.


„Mein Koffer ...“


Frank sah den Araber an, der ihm den Platz in der Schlange angeboten hatte. Ein grauer Samsonite. Das könnte seine letzte Chance sein.


„Mein Koffer ...“


Da hörte Frank gar nicht mehr hin. Er nahm den Koffer auf, hörte noch ein letztes: „Dein Koffer!“ und verließ die Schlange wieder. Der Araber würde bestimmt durchsucht, aber das war Frank inzwischen egal. Er musste endlich den Koffer loswerden.


„Haben Sie Feuer?“ fragte er den freundlichen Mann und platzierte die Koffer genau nebeneinander. „Danke.“ Frank entfernte sich rasch Richtung Raucherzone. Die Koffer waren vertauscht. So leicht konnte das gehen. Frank sog den beruhigenden Rauch tief ein. Er blieb noch ein wenig im Raucherbereich der Wartehalle, um den Araber nicht misstrauisch zu machen. Eigentlich gemein, so einem netten Kerl die Drogen unterzuschieben. Frank kicherte. Höflichkeit zahlte sich eben nicht aus. Als er die Kippe ausdrückte, war der Araber gerade dabei, den Koffer mit den Drogen aufzugeben. Natürlich wurde er durchsucht. Eigentlich waren die die Drogen gut versteckt, aber nicht gut genug für eine Hundenase. Frank sah den Dobermann. Er wusste Bescheid. Ohne sich nochmals umzudrehen, machte er sich auf den Weg zum Ausgang.


Ein gewaltiger Tumult entstand am Schalter nach Frankfurt. Der Araber gestikulierte wild und zeterte lauthals. Klar hatte man seinen Koffer ausgetauscht, doch das würde ihm keiner glauben. Der Kerl war erledigt. Frank sprang ins Taxi und fuhr zu seinem Hotel. Seine bescheidene Wohnung hatte er längst aufgeben. Eigentlich wollte er ja nächste Woche zurück nach Deutschland. Pustekuchen! Wenigstens hatten sie ihn nicht erwischt. Der Koffer des Arabers lag auf dem Bett. Er würde ihn nachher durchsuchen, vielleicht hatte er ja gerade eine erfolgreiche Karriere als Kofferdieb begonnen. Mit einem Whiskey in der Hand dämmerte er bei strahlend blauem Himmel im Sessel vor sich hin. Von der Explosion bekam er gar nichts mehr mit.


Die Zeitungen berichteten am nächsten Morgen von einem weiteren Selbstmordattentäter in einem Kairoer Hotel. Eine kleine Randnotiz wies darauf hin, dass es sich ungewöhnlicher Weise wohl um einen extremistischen Europäer handelte, der sich gegen halb drei in dem Zimmer des Hotels mit einer selbstgebastelten Kofferbombe zum Wohle Allahs in die Luft gesprengt hatte. Die Ladung war bescheiden und hatte nicht viel Schaden angerichtet. Ernsthaft gefährlich hätte so eine Explosion wohl nur in einem Flugzeug sein können. Dass Frank einigen hundert Menschen das Leben gerettet hatte, würde wohl niemals jemand erfahren.