Doppelt entführt hält besser


„Er wird schon zahlen“, sagte sich Jörn immer wieder, um sich Mut zu machen. „Er muss zahlen, sonst sieht er seine Frau nicht wieder. Das muss der doch verstanden haben.“

Seit drei Tagen wartete Jörn jetzt schon auf das Geld. Mitleidig schaute er auf seine Geisel. Sie saß gefesselt und geknebelt auf dem Bett an der Wand, sah blass und ungepflegt aus. Aber selbst, wenn Holdermann seine Frau nicht wiederhaben wollte, allein der Schmuck mit dem sie behängt war, wäre diese lächerlichen 250.000 wert, die Jörn verlangte.

Seit dem geplatzten Übergabetermin hatte er sechsmal versucht, Holdermann zu erreichen. Es musste doch einen Grund geben, warum der mit dem Geld nicht zur Übergabe gekommen war.

Holdermann schien verschwunden zu sein. Er sorgte sich augenscheinlich überhaupt nicht um das Leben seiner Frau. Jörn dachte daran, den Schmuck zu nehmen und auf das Lösegeld zu verzichten. Seine Nerven waren reichlich angespannt und er war es längst leid, ewig mit dieser Maske vor dem Gesicht herumzulaufen.

Er versuchte sich zusammenzureißen und nachzudenken. Aber Jörn hasste alles Grübeln. Das war anstrengend und führte meist zu nichts. Besser war es schon, etwas zu unternehmen.

Er ging zu Holdermanns Frau ans Bett hinüber und riss ihr das Kreppband vom Mund, zog den Knebel heraus und sagte: „Wissen Sie was? Ich glaube ihr Mann wird nicht zahlen.“

„Unsinn“, rief die Frau, nachdem sie mehrere Fusseln ausgespuckt hatte. „Natürlich wird der zahlen. Aber vielleicht braucht er noch Zeit, um das Geld zu beschaffen.“

„Und warum geht er dann nicht ans Telefon? Warum sagt er mir nicht, dass er das Geld nicht beschaffen kann?“

Bevor Frau Holdermann auf Jörns Fragen etwas antworten konnte, wurde das Radioprogramm im Hintergrund von einer Sondermeldung der Polizei unterbrochen.

„Wie soeben bekannt wurde, ist der Frankfurter Immobilienmakler Holdermann entführt worden. Die Polizei spricht von einer Lösegeldforderung in Höhe von 1,2 Mio. Euro. In diesem Zusammenhang sucht die Polizei dringend nach der Frau des Entführten, deren derzeitiger Aufenthaltsort nicht ermittelt werden kann. Hinweise, die zur Auffindung von Frau Holdermann führen …“

Jörn war aufgesprungen und hatte mit einem einzigen Schlag das Radio vom Tisch gefegt.

„Das gibt’s doch nicht!“ schrie er los. „Das ist ein ganz mieser Trick.“ Dann starrte er hasserfüllt die Frau an. Kreidebleich saß sie in der Ecke. Er sollte sie jetzt gleich umbringen, dachte Jörn. Frau Holdermann sah Jörns Blick und sagte seelenruhig: „Das war’s dann wohl. Auf das Geld können sie ewig warten. Ich und mein Mann sind die einzigen, die an das Geld auf den Schweizer Konten können.“

„Ach ja?“ höhnte Jörn, der nicht recht verstand, was sie meinte.

„Das ist doch wohl klar! Wenn ich meinen Mann nicht auslösen kann, dann kann er auch mich nicht auslösen. Also müssen wir beide sterben und keiner kriegt sein Geld. Außer der Bank in der Schweiz natürlich.“

„Ach ja?“ wiederholte Jörn, der solche komplizierten Gedankenspiele auf den Tod hasste. „Und wenn wir warten, bis die Polizei zahlt?“

„Blödsinn! Das dürfen die doch gar nicht und warum auch? Die interessieren sich weder für meinen Mann noch für mich. Die geben doch bei Entführungen nie nach.“

Da hatte sie Recht und das wusste Jörn auch.

„So was gibt’s doch gar nicht, dass die mir einfach den Lösegeldzahler entführen. Soll ich jetzt etwa die 1,2 Millionen hinblättern, damit ihr Mann dann mich bezahlen kann? Was zum Henker soll ich sonst tun? – Mord war doch nicht geplant!“ schrie Jörn am Rande eines Nervenzusammenbruchs.

Frau Holdermann gehörte zu der Art von Frauen, deren Gehirn gerade dann richtig in Schwung kam, wenn bei anderen Frauen das hysterische Kreischen einsetzen würde.

„Ich mache Ihnen einen Vorschlag“, sagte sie und wartete, bis Jörn sich etwas beruhigt hatte. „Sie behalten meinen Schmuck und lassen mich frei. Ich löse meinen Mann aus und dann zahlt Ihnen die Versicherung das Lösegeld für meinen Schmuck. Das sind immerhin auch 50.000. Und das ist doch besser als nichts?“

Jörn sah die Frau mit schiefliegendem Kopf aus schmalen Augen an. Er versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, wo da der Haken war. Dann schaute er nochmals auf den Schmuck. Diese Möglichkeit hatte er ja selbst schon in Erwägung gezogen. Die ganze Geschichte wurde ihm langsam zu heiß. Jetzt war die Polizei im Spiel. Der Lösegeldzahler war außer Gefecht gesetzt. Diese Entwicklung gefiel Jörn überhaupt nicht.

„Ich kann den Schmuck ja auch einfach behalten und versetzen.“

„Wenn Ihnen das lieber ist“, antwortete Frau Holdermann und zuckte mit den Achseln. „Aber da ist dann natürlich deutlich weniger für Sie drin.“

„Ist aber viel sicherer“, grinste Jörn erleichtert, dass die Sache nun dem Ende entgegen ging. Er knebelte seine Geisel wieder, verband ihr die Augen und brachte sie zu seinem geplanten Freigabeplatz.

Ein paar Stunden später wurde Frau Holdermann auf der Toilette einer Raststätte von Passanten entdeckt und umgehend von der Polizei abgeholt.

Das erste, was Frau Holdermann sah, als sie das Vernehmungszimmer im Polizeigebäude betrat, war das wohlbekannte Gesicht ihres Mannes. Unrasiert und völlig übermüdet aber gesund und munter. Also doch ein Trick, dachte sie. Aber ihr Mann winkte ab.

Nein, man hatte ihn tatsächlich entführt. Aber die Entführer wollten ihm nun absolut nicht glauben, dass seine Frau ebenfalls entführt worden war. Erst als die Polizei im Radio nach ihr suchte, begannen sie ihm zu glauben. Dann hatten sie das Geld genommen, das er für ihre Freilassung von der Bank geholt hatte und ihn freigelassen. Lieber wollten sie sich mit den 250.000 und seiner Rolex begnügen, als erst mit diesem Geld seine Frau auszulösen, um dann von ihr das Lösegeld zu fordern.

„Und mir hat der Entführer nur die Kopien meines Ausgehschmuckes abgenommen. Für das bisschen Strass wird er wohl nicht viel kriegen.“

Herr Holdermann grinste, seine Frau war ihm beim Pokern schon immer weit voraus gewesen und auch jetzt hatte sie wieder das besser Geschäft gemacht.

„Letztlich haben wir eine ganze Menge Geld gespart. Zwei Entführungen zum Preis von einer, wenn das kein solider Rabatt ist!“

Das war das erste Mal seit drei Tagen, dass Frau Holdermann wieder lachen konnte.

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